Samstag, 14. April 2018

Christiane Drehers Cannes zwischen Mondänität und Kleinbürgerlichkeit

Christiane Dreher und Christine Cazon.
Bild: Jan Welchering, KiWi
Christiane Dreher lebt seit vielen Jahren im Süden, inzwischen vorrangig als Autorin von Kriminalromanen mit ihren Kommissar Léon Duval. Sie hat Südfrankreich von der Pike auf gelernt, auf einem Bauernhof zunächst und dann als Wirtin eines ländlichen Gasthauses im Hinterland von Nizza. Entscheidende Fragen, etwa wie oft küsst man sich zur Begrüßung und warum lieben die Franzosen so sehr eine Schwarzwälder Kirschtorte, hat die studierte Buchwissenschaftlerin in ihrem ersten Buch „Zwischen Boule und Bettenmachen“ augenzwinkernd beantwortet.

Und nun lebt sie also in Cannes, der Stadt, von der man immer meint, sie müsse viel mehr als diese siebzigtausend Einwohner haben, die sie tatsächlich hat. Cannes in ein paar Zeilen zu beschreiben geht nicht, hat sie mir gesagt und es trotzdem getan.
 
Einer der inzwischen fünf Romane fehlt in Blogbeitrag,
aber nicht in Ihrer Buchhandlung
„Cannes erstreckt sich jenseits des touristischen Zentrums in zehn sehr unterschiedlichen Stadtvierteln über mehrere Hügel Während es in der Innenstadt, dem touristischen Zentrum, laut und schrill zugeht mit dem Sehen und Gesehen werden, verläuft das Leben in den anderen Vierteln der Stadt eher gemächlich. Viele zugezogene Rentner, die ihren Lebensabend an der blauen Küste verbringen wollen, genießen von den Balkons der großen Appartementanlagen den Blick aufs Meer.

Die echten Cannois leben in den manchmal noch dörflich anmutenden Vierteln ein oft bescheidenes und eher zurückgezogenes Leben. Mondäne Freizeitkultur, beschauliches Rentnerleben und kleinbürgerlicher französischer Alltag liegen in Cannes seit Beginn des Tourismus dicht beieinander. Das Filmfestival, das 1946 erstmals in Cannes stattfand, ist heute kulturell und wirtschaftlich das wichtigste Ereignis für die Stadt. Rund um das Palais des Festivals reihen sich Grandhotels und Luxusboutiquen aneinander. Und im alten Hafen liegen noch immer kleine Fischerboote und alte Segelschiffe neben luxuriösen Jachten.“

Viel mehr gibt’s in Drehers Blog
www.aufildesmots.biz .
 
Vom Lieblingsbäcker über den Boule-Platz
zum Lieblingsrestaurant. Bild: Maunder
Und nachlesenswert ist auch der sehr perönliche Spaziergang, den Hilke Maunder mit Christine Cazon gemacht hat: www.meinfrankreich.com/cazon/ .
 
Cazon? Unter dem Namen, der nach der Hochzeit ihr Familienname wurde, erscheinen die Kriminalromane von Christiane Dreher. Hier der ganz neue, wieder bei Kiepenheuer&Witsch:


 

Freitag, 13. April 2018

Rendez-Vous mit Cézanne, Kathryn Lewek und dem Festival d‘Aix

Cézanne und Kathryn Lewek können Sie im Juli in Aix treffen.
Ein Traum wäre für Cézanne in Erfüllung gegangen, hätte er je Kathryn Lewek malen können. Der arme Cézanne. Oft genug, wenn er etwa seine badenden Frauen malen wollte, stand ihm nur ein ausgemusterter invalider Soldat als Modell zur Verfügung. Nur, wie sollten sie zusammen kommen, der begnadete Maler aus Aix-en-Provence und die amerikanische Sopranistin, er Jahrgang 1839 und sie Jahrgang 1983? Ihnen kann das ohne Schwierigkeit gelingen.

Wenn Sie in diesem Jahr das Opern-Festival in Aix besuchen, können Sie beiden Künstlern Reverenz erweisen. Cézanne, sein Atelier und sein Berg, die Montagne Sainte Victoire sind immer da, Lewek hat gerade ihre fünfte Saison an der Metropolitan Opera in New York hinter sich, wie immer in ihrer Paraderolle der Königin der Nacht aus der Zauberflöte. Zum 70sten Geburtstag des Festivals singt sie die nun auch in Aix, , ihren Gegenspieler Sarastro gibt Dimitry Ivashchenko, der sich gerade sehr entspannt auf sein Met-Debut freut.

Anhören können Sie sich Kathryn Lewek als Königin der Nacht hier
https://www.youtube.com/watch?v=RRDt9aaGg-Q
und Dimitry Ivashchenko als Sarastro hier https://www.youtube.com/watch?v=FgNOGQNb8Vk
Bei der Gründung des Festivals konnte noch niemand ahnen, dass hier eine der weltweit renommiertesten Veranstaltungen der Opernszene - so die Bewertung durch ARTE - entwickeln würde. Aix wurde als Festival des Jahres 2014 mit dem International Opera Award ausgezeichnet. Rund vierzigtausend Besucher sorgten zuletzt für eine Auslastungsquote von 95 Prozent. Neben Mozart (auch noch mit Don Giovanni) stehen 2018 Bizets Carmen, Pinocchio von Philippe Boesmanns, Strawinskys Rake’s Progress und Erismena von Francesco Cavalli auf dem Spielplan.  

Zu den zahlreichen Aufführungsorten gehören die Freilichtbühne des Théâtre de l'Archevêché und das Grand Théâtre de Provence. Mit Carmen steht die mit großen Abstand meistaufgeführte Oper in Frankreich auf dem Programm, mit der Zauberflöte die populärste deutsche Oper (Daten und Preise unten).

Was Sie sonst noch in Aix machen können

Der römische Statthalter Sixtius Calvinus gilt als Gründer einer Stadt, die bis heute mit den Attributen elegant, aristokratisch und geistreich belegt wird.
„In Aix herrscht eine reine, gesunde Luft, und Lebensmittel sind reichlich vorhanden, in Aix sind keine Gewalttätigkeiten zu befürchten, die Einwohner sind liebenswürdig und friedfertig, und schließlich trifft man in der Stadt, wie jedermann weiß, eine große Anzahl gelehrter Personen an.“
Was sich hier liest wie ein erster Entwurf zu einer Stadtmarketing-Broschüre stammt aus der Gründungsurkunde der Universität von Aix zu Beginn des 15. Jahrhunderts.

Wer heute nach Aix kommt, macht als erstes meist nichts anderes als die Reisenden früherer Jahrhunderte, nämlich einen Bummel über den Cours Mirabeau. Eine nur fünfhundert Meter lange Prachtstraße, die immer noch beeindruckt. Auf der Südseite ist bis heute weitestgehend durchgehalten, was die Stadtväter damals verfügt hatten, nämlich keine Geschäftshäuser, keine Verkaufsräume. Nicht einmal Lebensmittel oder sonstige Waren durften hier mit Pferdewagen transportiert werden.



Begeben Sie sich auf die Spuren von Cézanne, in sein Atelier, das so aussieht, als hätte er es gerade verlassen. Oder besuchen Sie als Kontrastprogramm die Fondation Vasarély, deren Gebäude schon einen Vorgeschmack auf den Künstler geben, sechszehn sechseckige Waben aus
Glas, Aluminium und Marmor. In acht Abteilungen wird man durch die Ansichten eines Künstlers geführt, der seine Kunst als Gegenstück zur „visuellen Verschmutzung“ sah.

Außerhalb: Vauvenargues und Les Milles

Machen Sie eine Tour zu dem einst von Picasso gekauften Schloss Vauvenargues. Und bei dieser Tour um die Montagne Sainte Victoire lohnt ein Halt im Altersheim der Fremdenlegion in Puyloubier, einen sehr guten Rotwein bauen die Herren hier an. Unbedingt sehenswert sind auch die Gedenkstätte des Lagers von Les Milles, in dem während des Zweiten Weltkrieges viele deutsche Exilanten auf die Ausreise in die Vereinigten Staaten oder Casablanca warteten. Darunter so bekannte Künstler wie Max Ernst oder der Schriftsteller Lion Feuchtwanger.


Noch etwas Hintergrund zum Festival d'Aix

Unter folgendem Youtube-Link bekommen Sie in knapp zwei Minuten einen Eindruck von Aix, seinem Festival und den Spielorten
https://www.youtube.com/watch?v=xtNXMST1Oe0

Hier die Aufführungsdaten der Zauberflöte; alle im Juli 2018 und bis auf den 14.7. (17.00) immer um 19.30:
Fr 6., Mo 9., Mi 11., Sa 14., Mo 16., Do 19., Sa 21. und Di 24.
  

Mit diesem Link finden Sie Ihre Lieblingsplätze und die Preise. Und wenn Sie auch der Meinung sind, dass die Zauberflöte ein guter Opern-Einstieg für Ihre Kinder sei. Die bezahlen 9 Euro, reguläre Preise zwischen 30 und 270 Euro.
https://billetterie.festival-aix.com/selection/event/date?productId=101267719389  Wenn Sie lieber anrufen: 0033 820 92 29 23.
Parkplätze für die Aufführungen der Zauberflöte finden Sie fünf Minuten vom Theater in den Parkhäusern Méjanes und Rotonde.


Die Ausführenden der Zauberflöte:

 




 



Dieser Blog-Beitrag wurde angeregt von Nicolas Schaettel und unterstützt vom Festival d'Aix. Die Bilder sind von Sophie Spiteri, Wisieu, Regis Cintas-Flores, Malost , Andrea Schaffer, den Homepages der Künstler, dem Festival d'Aix, dem Office de Tourisme Aix und Manfred Hammes.

Samstag, 7. April 2018

Orange: Das Tor zur römischen Provence


Einfahrt nach Orange: Früher drunterher, heute drumrum
Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen (1906-1996) betritt die Provence in Orange und durch den römischen Triumphbogen, was man zu seiner Zeit noch mit dem Auto, heute nur noch zu Fuß machen kann:
„Die schönste und zugleich die abweisendste Pforte zum Süden, zur lateinischen Welt.“
Dieser Eindruck entsteht durch das alles andere als golden geschnittene, mit je rund zweiundzwanzig Metern fast gleiche Verhältnis der Höhe zur Breite. „Hier schwimmt der mittelmeerisch gewandte Touristenstrom um ein Riff. Das alte Tor, das sich selbst genügt, wird schnell fotografiert.“


Kampfszenen heute restauriert
Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts fuhren die Postkutschen unter dem Triumphbogen hindurch und die Reisenden konnten sich die steinernen Bildgeschichten im Vorbeifahren ansehen. Heute kann selbst ein Spezialist in römischer Kunstgeschichte aus den umweltgeschädigten Steinen kaum mehr etwas ablesen.

Auf alte Fotos oder Beschreibungen muß man zurückgreifen. Dann sieht man Szenen aus den Kriegen gegen die Gallier oder den Sieg gegen die Flotte des griechischen Massalia (Marseille), das zwar römischer Bundesgenosse war, es aber nicht mit Caesar sondern Pompejus hielt. Achten Sie einmal darauf, wie oft die römischen Bauwerke von den Baumeistern des Mittelalters kopiert worden sind.

 
Die Struktur des Triumphbogens von Orange können Sie in der Camargue an der romanischen Portalwand von Saint Gilles wiederfinden: das Hauptportal und die beiden Nebenportale. Die Bühnenwand aus Orange findet in der Abteikirche des Heiligen Ägidius in Saint-Gilles (Camargue) ihre Entsprechung in den Wandflächen zwischen den Portalen: auch hier die Nischen mit den Statuen und für die vorgesetzten Säulen bediente man sich meist umfunktionierter Originale. Daß die mittelalterlichen Bildhauer ihre Werke lateinisch signierten, versteht sich von selbst: „Brunus me fecit“ steht in Saint Gilles an den Aposteln Matthäus und Bartholomäus.

Und dann beschreibt Koeppen weiter, wie es in Orange in den fünfziger Jahren aussah, das Verschlafene eines schattigen Innenhofes mit einem Maulbeerbaum

„und einem kleinen Restaurant, vom Fremdenverkehr ganz unberührt“. Orange träumt wie die Katze auf dem buntgedeckten Tisch, wie der dicke Stadtpolizist unter der Trikolore vor der Gendarmeriestation."
Weniger verträumt ist Orange während der Opernfestspiele, die bereits 1869 als „Chorégies“ gegründet wurden und somit das älteste französiche Festival sind; HIER im VIDEO eine Aufführung von Zorbas Tanz von Theodorakis. Seit jeher finden sie im römischen Theater statt, sehr renommiert inzwischen, aber das war es dann auch schon mit diesem Städtchen. Die Eintrittspreise können inzwischen 250 Euro bei aufwendigen Opern wie Turandot oder La Bohème übersteigen, Mozarts Requiem gibt es für die Hälfte und für 10 Euro die Studententickets. Alle Informationen über die Stadt und das Festival, auch mit der Möglichkeit Tickets zu reservieren finden Sie HIER.
Orange: Theaterwand außen, innen und mit einem Detail der römischen Marmorverkleidung

In Ruhe, am besten beim abendlichen Bummel und dann während einer Aufführung, sollten Sie sich die Theaterbühnenwand von innen und außen ansehen. Vielleicht geht es Ihnen dann so wie Ludwig XIV., der sie als schönste Mauer seines Königreiches bezeichnete. Wird der „Barbier von Sevilla“ gegeben, werden Sie selbst in den obersten Reihen über eine perfekte Akustik und darüber staunen, wie laut das Papierchen knistert, das Rosine und der Barbier als angeblichen Wäschezettel unter dem Tisch hervorzaubern. Ansonsten aber viel Verdi mit manchmal über zweihundert Personen auf der Bühne, was man sich aber bei einer über sechzig Meter langen Bühne durchaus leisten kann. Kammeroper wirkt da eher verloren. Die Inszenierungen können von bis zu siebentausend Besuchern verfolgt werden. In römischer Zeit hatte das Theater noch dreitausend Plätze mehr.

Das Festival kommt trotz aufwändiger Produktionen bis zu 1,5 Millionen Euro mit sehr wenig öffentlicher Unterstützung aus; nur 15 Prozent schießt der Staat zu. Diese vom Veranstalter immer wieder stolz zitierte Zahl relativiert sich allerdings, wenn man die zahlreichen staatseigenen Hauptsponsoren mit einbezieht: Von Air France bis SNCF und anderen.

Auch Alexandre Dumas beschrieb das antike Theater von Orange: „Welch erstaunliches Volk waren doch die Römer, die die Natur bezwangen wie einen Volksstamm, und das nicht nur für ihre Bedürfnisse, sondern auch für ihre Vergnügungen. Ein Berg war genau da, wo sie sich vorstellten, daß ein Theater entstehen sollte. Und sie erbauten dessen Bühnenwand am Fuße dieses Berges, um dessen mächtige Brust sie im Halbkreis Stufen legten, die sie für zehntausend Zuschauer aus den breiten Bergesflanken hieben.“ Diese Dimensionen waren für die damaligen Aufführungen auch erforderlich, denn zu römischer Zeit hatte die Stadt deutlich mehr Einwohner als heute.

Alles was Orange ausmacht: Stadteingang und Theater
Dumas, den unter seinem richtigen Namen Alexandre Davy de La Pailleterie heute kaum jemand mehr als den Verfasser von „Les trois mousquétaires“ identifizieren würde, liebte die Reisen in den Süden. In Marseille werden wir ihm und seinem „Grafen von Monte Christo“ wiederbegegnen. Beide Bücher hat er 1844 und 1845 schnell hintereinander geschrieben; im gleichen Jahr erschienen sie jeweils noch in deutscher Sprache. Und zahlreiche andere Veröfffentlichungen folgten in kürzester Zeit.

Seine Produktivität vervielfachte Dumas durch eine Reihe angestellter Schreiberlinge, die ihm die Forsetzungen seiner Romane zunächst für die Feuilletons der Tageszeitungen verfaßten, ehe der Meister selbst für die Buchfassung dann letzte Hand anlegte. Sogar sein Sohn verspottete ihn:
„Alle Welt hat Dumas gelesen. Aber niemand hat den ganzen Dumas gelesen - nicht einmal er selber.“ 

Weiter geht's mit folgendem Link die gerade mal 20 Kilometer nach Châteauneuf-du-Pape .

Samstag, 31. März 2018

Liégard: Wie die Côte c'Azur ihren Namen bekam


Stéphen Liégard "erfindet die Côte.
Bild: Ariosa
Im 19. und weit ins 20. Jahrhundert hinein waren weite Partien der Côte d‘Azur fest in englischer Hand. In seinen Reiseerinnerungen „Une année à Florence“, die sich zunächst sehr lange mit seinem Weg entlang des Mittelmeeres von Marseille bis Monaco beschäftigen, beschreibt Alexandre Dumas, wie sämtliche Neuankömmlinge in Nizza erst einmal für Engländer gehalten werden. Das gelte sogar
„für Franzosen und Deutsche, die man beide nur als etwas andere Engländer“
betrachte.

In seiner Reisebeschreibung von 1887 hat Stéphen Liégeard den Begriff in Anlehnung an die „Côte d‘Or“ seiner burgundischen Heimat erstmals benutzt. Wie er das erste Mal an einer Beerdigung teilnahm beschreibt René Schickele in seinem humorvollen Roman „Die Flaschenpost“; es war die von Liégeard, aber Schickele kam nicht mehr auf den Namen.
„Sie haben den Dichter des Wortes ‚Côte d’Azur’ begraben. Ich zählte fünf Leidtragende, davon zwei vom Verkehrsverein und einen Reporter. Der vierte vertrat den Bürgermeister, der fünfte war ich.“
Das „schöne Wort“ von der Côte sei der einziger Erfolg von Liégard als Dichter gewesen und habe sich zudem nur für andere bezahlt gemacht, aber nicht für den Erfinder. Irgendwann werde man denken, nicht ein Dichter, sondern die Küste selbst habe sich ihren Namen geben. Und Schickele sprach dem Dichter nach:
„Lebe wohl! Du bist der heimliche König der Côte d’Azur. Wer ein Ding benennt, dem gehört es, solange der Name dauert.“
Und als jemand fragte, wer denn diese Abschiedsworte gesprochen habe, hieß es nur:
„Der Verrückte, der bei allen Begräbnissen mitgeht.“

 

Samstag, 24. März 2018

Françoise Frenkel: Die Flucht der Buchhändlerin von Berlin nach Nizza

Im September 1945 veröffentlichte der Genfer Verlag Jeheber ein für mich mit seinen rund zweihundert Seiten viel zu kurzes Buch der polnisch-jüdischen Buchhändlerin Françoise Frenkel, die sich den Titel aus dem Lukas-Evangelium entliehen hatte: "Nichts, um sein Haupt zu betten". Ein Bild von ihr existiert (bisher) nicht.

Erfolgreich auf deutsch, englisch, spanisch und, natürlich bei Gallimard, auf französisch
Knapp zwanzig Jahre, bis 1939 hatte die promovierte Literaturwissenschaftlerin und ausgebildete Musikerin die französische Buchhandlung in Berlin betrieben, sehr erfolgreich auch wegen der vielen Autorenbesuche und Veranstaltungen. Colette und André Gide waren dort, Philippe Soupault und Roger Martin du Gard, der Nobelpreisträger des Jahres 1937, und viele andere. Sie alle
Titelbildentwurf für die spanische Ausgabe. Bild Radiotimes
kommen nur in einer kurzen Aufzählung vor und Frenkel hätte sicher viel mehr, auch über sie, zu erzählen gehabt. Ihr nüchtern geschriebener Bericht über eine Flucht aus Berlin über Brüssel und Paris in den damals noch freien Süden nach Avignon und Nizza hat vor allem die eine Frage nicht beantwortet: Warum erwähnt sie ihren Mann, der ja auch in der Buchhandlung tätig war, nicht mit einem Wort.


Darüber wunderte sich auch der Literatur-Nobelpreisträger Patrick Modiano in einem Vorwort für den der Gallimard Verlag - deutsch bei Hanser - , als dieser fast siebzig Jahre später eine Neuauflage besorgte: „Phantom-Ehemann“. Die Originalausgabe war kurz zuvor in Nizza auf einem Trödelmarkt der Emmaus-Bruderschaft durch den Schriftsteller Michel Francesconi wiederentdeckt worden. Niemand wäre übrigens besser als Modiano für das Vorwort geeignet gewesen. Als er 2014 den Nobelpreis erhielt begründete das die Jury mit dem Satz:
„Für die Kunst des Erinnerns, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen und die Lebenswelt während der Besatzung sichtbar gemacht hat.“
 


Flucht über Avignon nach Nizza
Aus dem amtlichen Name von Françoise Frenkel geht der Name ihres Mannes Simon hervor. Raichenstein hieß er und sie Frymeta Idesa Raichenstein-Frenkel, geboren am 14.7.1889 in Piotrków. Das ergibt sich aus einer Liste von Personen, die bei Genf die Grenze zur Schweiz überschritten und dort eine Aufenthaltsgenehmigung erhielten; die Unterlagen befinden sich im Staatsarchiv Genf. Die Frage, warum Simon Raichenstein dieses Phantom bleibt, wird niemand mehr beantworten können. Sie ist 1975 gestorben. Ende 1933 hat er Berlin, versehen mit einem der sogenannten Nansen-Pässe verlassen.

Französischer Nansen-Pass. Bild von Anna Viesel aus Trier.
Fridtjof Nansen, der norwegische Kommissar des Völkerbundes fürFlüchtlingsfragen, hatte das Pass-Ersatz-Dokument Anfang der zwanziger Jahre für staatenlose Flüchtlinge eingeführt und dafür später den Friedens-Nobelpreis erhalten. Der Pass war jeweils für ein Jahr gültig und garantierte die Rückreise in jenes Mitgliedsland des Völkerbundes, in dem er ausgestellt worden war. Zu den bekanntesten Inhabern des Passes gehörten Vladimir Nabokov, Marc Chagall und Igor Strawinski.

Dieser Pass nützte Raichenstein nichts. In Frankreich kam er ins Lager Drancy und am 24. Juli 1942 nach Auschwitz, wo er kurz darauf ermordet wurde. Aber kein Wort über ihn von seiner Frau. Die gelegentlich geäußerte Vermutung, sie habe darauf verzichtet, um ihren Mann nicht zu gefährden, ist nicht stichhaltig. Schon als sie anfing, das Buch zu schreiben, war ihr Mann bereits tot und als das Buch 1945 erschien, existierte das nationalsozialistische Deutschland nicht mehr und spätestens da hatte sie sicher längst Nachricht von seinem Tod bekommen.

Pierre Bertaux
Bild: Ordre
Standesgemäß überheblich und nicht sehr fein ging der Germanist Pierre Bertaux mit Frenkel um, der sie als die
„alte Schreckschraube des Maison du Livre“
bezeichnete und sich in der Buchhandlung von
„Herrn und Frau Raichenstein, Russen, Galizier oder etwas in der Art wie bei den Totengräbern eines Beerdigungsinstitutes“
fühlte. Bertaux war Ende der zwanziger Jahre der erste Franzose, der wieder zum Studium in Berlin zugelassen wurde und wurde später einflußreich als Koordinator für die geheimdienstlichen Aktivitäten der Resistance. Er hatte auch zahlreiche Kontakte zu deutschen Exilschriftstellern.

Ganz im Gegensatz dazu schrieb der Journalist Jules Chancel in seinem 1928 erschienenen Deutschlandbuch “Zehn Jahre danach” von einem anregenden deutsch-französischen Fest in der Buchhandlung und zeichnete “ein kleines, ungemein wohlwollendes Portrait der Buchhändlerin”, wie die Berliner Literaturwissenschaftlerin Maragrete Zimmermann herausfand.

Danke an Imogen und Michael Remmert für den Hinweis auf Françoise Frenkel.




Donnerstag, 22. März 2018

Kestens "fremde Götter": Aktueller denn je

 
In, wie immer bei Nimbus, sorgsamer
Gestaltung und Ausstattung
Wäre der Roman "Die fremden Götter" , den Hermann Kesten 1948 in New York schrieb, siebzig Jahre später, also jetzt, zum ersten Mal erschienen, wären die Filmrechte längst verkauft und der Film im nächsten Jahr in den Kinos - was sicher auch den Verlag freuen würde. Ende der 1940er Jahre ging das noch nicht, mit dieser tragikomische Farce, in der Freiheit und Toleranz einen schweren Stand haben und die auch deshalb heute aktueller ist, denn je.
"Ich glaube, es wird das erste Mal im deutschen Film sein, dass neben der Tragik oder dem Ernst so nah die Komik steht - übrigens wie es im Leben ja auch ist",
hatte Filmemacher Gerhard Born noch kurz vor der endgültigen Absage an Kesten geschrieben.

In dem Film hätten, ganz am Rande, einige Szenen in einem Konzentrationslager spielen sollen und das glaubten die Produzenten dem noch vom Nationalsozialismus geschädigten Publikum nicht zumuten zu können. Wahrscheinlich hatten sie recht. Denn damals gab es andere Themen für die Filmbranche. In der USA etwa Howard Hawks, der mit Gary Grant „Die männliche Kriegsbraut“ drehte, in Frankreich „Tatis Schützenfest“ und in Deutschland etwa eine Verwechslungskomödie mit Hans Moser und Theo Lingen „Um eine Nasenlänge“.

Aber „Die fremden Götter“, eine religiös-fanatische Auseinandersetzung zwischen Juden, Katholiken und Buddhisten, die sich in einem Teufelskreis gegenseitiger Verkennung hochschaukeln versprachen nicht ausreichend Kinobesucher; und mochte es noch so viele Ansätze für eine Komödie geben. Das Drehbuch hätte ein früher Vorläufer zur Komödie „Monsieur Claude und seine Töchter“ des Regisseurs und Drehbuchautors Philippe de Chauveron werden können. Wobei übrigens der Originaltitel - Qu’est-ce qu’on a fait au Bon Dieu?/ Was hat man dem lieben Gott nur angetan - dem Film viel gerechter wird.




Hermann Kesten (Bild: Monacensia München)
Der Schweizer Nimbus Verlag hat nun das Wagnis einer (Wieder)Veröffentlichung - in seiner verdienstvollen Reihe „Unbegrenzt haltbar“ - auf sich genommen und im Anhang auch den Schriftwechsel zwischen dem Autor Kesten und dem Produzenten Born veröffentlicht. Erstmals ist das Buch 1948 im Amsterdamer Querido Verlag erschienen. Querido war, neben etwa Allert de Lange, ebenfalls in Amsterdam, Obrecht in Zürich und Graphia in Karlsbad, der Verlag für die vielen Exilautoren, die seit 1933 vor den Nachstellungen der Nationalsozialisten und ihren Bücherverbrennungen geflohen waren.


Die Promenade des Anglais in Nizza: Kurz nach dem Krieg weitgehend autofrei
Das Buch spielt in Nizza, kurz nach Ende des Krieges: Walter Schott und seine Frau haben de façon miraculeuse die KZ-Haft überlebt und sind heimgekehrt in die Stadt, wo sie vor der Deportation ihre Tochter Luise zurücklassen mussten. Sie finden ihr Kind unverhofft wieder – französische Nachbarn hatten das Mädchen in einem Kloster in Avignon versteckt. Luise, dort fromm erzogen und inzwischen 17 Jahre alt, hat sich zur Erz-Katholikin entwickelt. Die Eltern versuchen Luise zum Judentum zurück zu führen. Vergeblich. Dann sollen Onkel und der Sohn des Rabbis es richten. Aber auch Onkel Colombe, ein alternder Lebemann und selbstgefällige Buddhist sowie Théodore, ein aufgeklärter Philosophiestudent, sind erfolglos, wollen aber möglichst auch garnicht erfolgreich werden.
Den Beiden geht es weniger um den elterlichen Bekehrungsauftrag und das Seelenheil des Mädchens. Sie wollen die junge, attraktive Frau für sich gewinnen und sind plötzlich sogar bereit, selbst zum Katholizismus überzutreten. Aber auch Luise ist verliebt, nämlich in den atheistischen Fotografen Henri. Das kann nicht gut gehen, auch wenn alle, im wahrsten Sinne des Wortes, guten Glaubens sind. Sie werden aber blind gegenüber den Folgen ihres Handelns und führen so oft das Gegenteil dessen herbei, was sie an sich beabsichtigen. Aber hier nicht mehr, sonst ist der tempo- und spannungsreiche Inhalt zu sehr vorweg genommen. Manchmal muß man eben selber lesen - und frau auch.

Hermann Kesten: Die fremden Götter. Herausgegeben von Albert M. Debrunner. Nimbus Verlag, Wädenswil/Schweiz, 248 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3-03850-045-2.

Der Buchhändler Ihres Vertrauens wartet auf Sie! Im gleichen Verlag ist übrigens auch die gewichtige Kesten-Biographie von Albert M. Debrunner erschienen. Folgen Sie dem LINK.


Freitag, 16. März 2018

Literatur aus den Cafés der Exilanten


Für Joseph Roth hatten die
Cafés nicht mit Kaffee zu tun
Natürlich denkt man in erster Linie an Wien, wenn der Begriff des „Caféhausliteraten“ fällt. Aber die aus Nazi-Deutschland geflüchteten oder ausgewiesenen Schriftsteller standen den Wiener Autoren wie Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus oder Alfred Polgar um nichts nach. Und Autoren wie Joseph Roth und Franz Werfel waren zunächst in den Wiener Cafés und später dann in Paris zu finden.

Wenn dazu noch wir Anna Seghers „Transit“ und Ludwig Macuses „Mein Zwanzigstes Jahrhundert“ lesen, dann gewinnt man den Eindruck, als hätten alle Exilanten ihre Tage hauptsächlich in den Cafés von Marseille und Sanary-sur-Mer verbracht.

Und da ist tatsächlich was dran. Das Thema war Hermann Kesten sogar ein ganzes Buch wert: „Dichter im Café“. So etwas wie eine zweite Heimat waren die Cafés geworden. Er habe einen Gutteil seines Lebens in den Cafés verbracht, beichtet Hermann Kesten und tritt auf den 433 Seiten seines Buches „Dichter im Café“ den Beweis an.


Den Exilanten waren die Kaffeehäuser zu ihren Arbeits- oder Wohnzimmern geworden, in denen sie ihre glücklicherweise selbstzahlenden Freunde empfingen, in denen sie schnell ihre Stammplätze oder gar Stammtische hatten und auch bei wenig Verzehr gerne gesehen waren: die Bohème als kostenlose Werbung für die vielen, die gerne dazu gehört hätten und dennoch kamen und nur sehen wollten. Diesen „Müßiggang der anderen betrog ich mit meiner Arbeit“ formulierte Kesten schadenfreudig und machte sich regelmäßig auch über die einzelne Dame lustig, die es in jedem Café gebe und die aussähe, „als habe nicht ein einzelner Mann sie versetzt, sondern das ganze männliche Geschlecht“.

Die Cafés waren den Exilanten sogar mehr als Haus und Heimatersatz, waren „Kirche und Parlament“, wurden „zur Wiege der Illusionen und zum Friedhof“. 



Sanary:  Hotel de la Tour (in dem Thomas Mann schrieb) und die Cafés "Marine" und "Nautique"
Drei Cafés gab es damals am Hafen von Sanary. Das „Marine“, dann das „Nautique“, das alle nur die „Witwe Schwab“ oder „Chez Schwob“ nannten und das „Café de Lyon“. „Schwob war ein großer, belesener Elsässer, verheiratet mit einer ebenso großen heiter geschäftigen Schwarzen, die ein übergroßes Baby stillte, während er hinter der Theke Heine und Descartes deklamierte, wenn er nicht gerade Zigaretten und Briefmarken verkaufte oder Getränke ausschenkte.“ Zum mittäglichen Apéro fanden sich auch „aufgeschlossene Honoratioren. Letztere pflegten abends in das teurere Café de la Marine nebenan zu gehen, der Tageszuflucht ansässiger Akademiker und Pensionäre“. 
Die Palmen sind noch da, die intellektuelle Auseinandersetzung nicht mehr
Das „Marine“ war ansonsten fest in deutschsprachiger Hand, „das dritte, am anderen Ende des kurzen Kais, ließen wir großmütig den Einheimischen“, erinnert sich Marcuse.

„Sanary-les-Allemands“ hieß ihr Ort gelegentlich schon bei den Einheimischen; die Deutsche Annemarie Schwarzenbach hatte den Begriff selbstironisch geprägt. Kein Wunder, denn diejenigen unter den Literaten, denen die Alltagssorgen fern waren, diskutierten hier etwa die in diesen Zeiten so naheliegende Frage, wer denn der nächste deutsche Literatur-Nobelpreisträger werden solle. Wilhelm Herzog wollte seinen Freund Werfel vorschlagen und warb um Unterstützung bei Thomas Mann. Dem indes fiel zunächst außer sich selbst niemand ein; und dann schließlich doch noch Hermann Hesse.

Wenn Sie eine Reise durch die Restaurants und Cafés der Künstler machen wollen, beginnen Sie im "Café des Arts" in Saint-Rémy-de-Provence. Jean Cocteau oder Picasso wären Sie hier begegnet, die sich im Gästebuch verewigt haben.

Im "Deux Garçons" in Aix-en-Provence mit seiner Terrasse zum Cours Mirabeau konnte man seinen Café neben Albert Camus oder Marcel Pagnol trinken. Und schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts hätten Sie den Gesprächen von Emile Zola und Paul Cézanne lauschen können.

Das "Colombe d'Or" in Saint-Paul-de-Vence war zweite Heimat des Malers Chagall. Mit den ausgestellten Bildern von Matisse, Calder und Picasso ist es noch heute ein Anziehungspunkt. Filmstars wie Sophia Loren, Lino Ventura und Yves Montand erholten sich hier von den Anstrengungen des Festivals in Cannes.



Samstag, 10. März 2018

Absinth und Pastis: Angebetet und verdammt

 

Van Gogh: Dreifaches
Selbstportrait
Bild Wenisch 
Die Maler tranken und malten ihn, wie van Gogh (Bild oben)und Gauguin, die Schriftsteller tranken und beschrieben ihn und setzen ihn auch schon mal ein, wenn ihnen die Phantasie ausging oder kämpften mit ihm gegen Schreibblockaden an wie Oscar Wilde oder Charles Baudelaire, der formulierte:
"Die toten Wörter stehen auf und sind aus Stein und Bein."
Mediziner und Kirchenmänner verteufelten ihn aus jeweils ihrer berufsspezifischen Sicht. Der Absinth könne, weil er das Nervengift Thujon enthalte, Epilepsie hervorrufen und zu Erblindungen führen, vom Messebesuch abhalten und dem Glauben schaden.

Diese Verdammungen änderte sich auch nicht, als statt des Absinth längst der Pastis zum Lieblings-Apéro in Südfrankreich geworden war. Denn damit werde statt des „Vater unser“ nun ein „Notre Ricard“ gebetet.


Ricard unser,
der du bist schön kalt,
geheiligt werde deine Flasche,
dein Wille geschehe,
auf der Terrasse wie am Tresen.
Unser tägliches Glas gib uns heute,
und vergib uns unsere griesgrämigen Gesichter,
wie auch wir vergeben
den Casa*-Trinkern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Durst.

* Casanis eine preiswertere,aber gar nicht schlechte Pastis-Marke, für Ricard-Gläubige die teuflischste Versuchung, der man allerdings nicht erliegt – niemals.

Im Frühjahr 1915 wurde der Absinth verboten, was findige Brenner aus der Provence noch im gleichen Jahr durch den sogenannten „Pastiche“ ersetzten, was nichts anderes als "Nachahmung" heißt. Fenchel, Anis und Süßholz sind immer enthalten, die weitere Kräutermischung ist wohlgehütetes Geheimnis der unterschiedlichen Produzenten.

Die medizinischen Vorbehalte bestehen allerdings nicht mehr, seit ein Karlsruher Forscherteam im Journal of Agricultural an Food Chemistry allein den hohen Alkoholgehalt des Absinth von 70 und mehr Prozent für Gesundheitsschäden verantwortlich machte. Und es waren nicht immer die edelsten Stoffe, aus den das Getränk hergestellt wurde, wenn etwa Brennspiritus mit irgendwelchen Pflanzenextrakten und viel Zucker zusammengepascht wurde. In Frankreich wurde die Alkoholobergrenze für den Pastis im Jahr 1938 auf 45 Prozent festgelegt.

Wenn Sie am Nebentisch hören, wie jemand einen Mauresque, einen Perroquet oder einen Tomate bestellt, dann ist das weißer mit Mandelsirop, ein grüner mit Minz- oder roter mit Grenadinesirop gemischter Pastis.

Wenn ein ganz normaler Pastis sich beim Mischen mit Wasser milchig verfärbt - der sogenannte Louche-Effekt - ist dies übrigens Physik und nicht Chemie. Da, wo Wasser und Pastis zusammentreffen wird das Licht anders gestreut und macht das Getränk undurchsichtig.
  

Samstag, 3. März 2018

Johannes R. Becher: Stalin im Schwarzwald

Seine Jugendliebe, die Zigarettenverkäuferin Franziska Fuß, hat er erschossen. Der geplante Doppelselbstmord wurde es aber nicht. Und der jähzornig-dominante Vater, damals Amtsrichter und später Präsident des Oberlandesgerichts in München, ließ es nicht zu einem Prozeß kommen, weil der Sohn in einem psychiatrischen Gutachten nach § 51 des Strafgesetzbuches als unzurechnungsfähig erklärt wurde. Also sollte er Offizier werden. Statt dessen wurde er Morphinist in ständiger Geldnot und lebte seine Bisexualität aus, wurde Dichter, gläubiger Kommunist und Parteisoldat, ein Verharmloser Stalins und nach dem Krieg SED-Kulturminister. Als
"Johannes Erbrecher"
wurde der Johannes R. Becher immer wieder mal tituliert.

Als die die Nationalsozialisten ihn 1934 ausbürgerten, war er schon fast ein Jahr in der Sowjetunion, arbeitete für Radio Moskau und reiste mit einem Auftrag der Komintern, in der sämtliche kommunistischen Parteien weltweit zusammengeschlossen waren, durch Europa und suchte speziell in Frankreich die deutschen Exilautoren in einer literarischen Einheitsfront zu vereinen. Gemeinsam mit
André Gide organisierte er einen Schriftstellerkongreß „zur Verteidigung der Kultur“ in Paris. Mit den Mann-Brüdern hatte er gesprochen, mit Brecht, Seghers und Robert Musil; wer alleine nur diese Namen liest, der weiß, daß seine Unternehmung nicht erfolgreich sein konnte. Erst bei seinem Tod, den die SED entgegen Bechers Willen, mit großem Zeremoniell inszenierte, standen unter anderem Anna Seghers, Arnold Zweig, Stefan Heym und Erwin Strittmatter um seinen Sarg. Und mit Heinrich Mann verbindet Becher die letzte Ruhestätte auf dem Berliner Dorotheenstädtischen Friedhof; hier liegen sie Seite an Seite.

Seine Dichtkunst sollten wir von den politischen Aktivitäten getrennt sehen. Döblin und Thomas Mann äußerten sich ausgesprochen positiv über seine Veröffentlichung „Der Glücksucher und die sieben Lasten“, die, wie sechs weitere Gedichtbände, in der VEGAAR, der „Verlagsgenossenschaft ausländischer Arbeiter in der UdSSR“ ,
erschienen waren. "Ich muß Ihnen sagen, wie schön und echt ich diese Gedichte finde", schrieb ihm Döblin und Mann, wahrscheinlich war es wieder Katia, die Thomas Mann antworten ließ, hielt es „für ein großes Buch und wahrscheinlich ist es das repräsentative Gedichtbuch unserer Zeit und unseres schweren Erlebens und wird einmal als das lyrische Zeugnis dafür angesehen werden“.

Da mußte Becher jedenfalls anders gereint haben als in seinem Nachruf auf Stalin:
„Dort, wirst du, Stalin, stehn, in voller Blüte
der Apfelbäume an dem Bodensee.
Und durch den Schwarzwald wandert seine Güte,
und winkt zu sich heran ein scheues Reh.“

 

 

Samstag, 24. Februar 2018

Maillane: Eine Pilgerreise zu Frédéric Mistral

 
Plakat aus dem Jahr 2004 zur Feier der einhundertsten
Wiederkehr der Nobelpreis-Verleihung
Frédéric Mistral, 1830 geboren, hatte sich nicht mehr als die Wiederbelebung und den Erhalt der provenzalischen Sprache vorgenommen hier im VIDEO eine Hommage in provenzalischer Sprache. Sein Geburtshaus in Maillane ist der inzwischen
Der Mas du Juge: Leichter zu finden
als es hier den Anschein hat
anspruchsvoll renovierte Mas du Juge an der Straße nach Saint-Rémy-de Provence. In dem riesengroßen Haus können Sie bei Annie Vulpian eine Ferienwohnung mieten oder mit zweihundert Gästen ihren Geburtstag feiern.

In Maillane ist Mistral auch gestorben, dort schrieb er mit dem Versepos „Mirèio“ sein erstes und erfolgreichstes Stück und dort können wir uns ihm in seinem späteren Wohnhaus, das nach seinem Tode 1914 weitestgehend unverändert blieb, indiskret nähern. Heute ist das Mistral-Museum
Grab Mistrals
darin untergebracht. Wesentlich ist das dem provenzalischen Schriftsteller Charles Galtier zu verdanken, der dem Museum fast dreißig Jahre als Konservator diente. Man betritt das Museum von der Gartenseite her, da, wo sich die von Archard geschaffene Mistral-Statue befindet.

Mit der provenzalischen „Dichterei“, die für ihn etwas „meistersängerlich Pedantenhaftes“ hatte, konnte Hugo von Hoffmansthal, der französische Philologie studiert und darin auch promoviert worden war, nichts
anfangen:
„Ihr berühmtestes Werk ist die Mirèio des Mistral, ein Idyll in preziösen künstlichen Strophen. Am Ende dieses viel zu langen Gedichts stehen die wunderschönen Dinge der Vergangenheit steif und tot herum, wie in einem  ungemütlichen Provinzmuseum."



„Die Sonne macht mich singen“, hat sich Mistral sein Motto erwählt und das über der Tür in den Stein hauen lassen, auf provenzalisch natürlich „Lou soulèu me fai canta“.




Das Arbeitszimmer des Nobelpreisträgers kann man heute noch
so besuchen, wie Daudet es nachfolgend beschreibt.

„Das gelbkarierte Sofa, die zwei Strohsessel, die Venus von Arles auf dem Kamin, das Bild des Dichters von Hébert, seine Photographie von Etienne Carjat und in einer Ecke am Fenster der Schreibtisch, ein armseliger kleiner Schreibtisch, wie für einen Steuereinnehmer.“

Das Haus ist von einem kleinen, botanischen wäre zu viel gesagt, Garten mit all jenen provenzalischen Pflanzen umgeben, die in Mistrals Dichtungen eine Rolle gespielt haben. Maulbeere, Olivenbaum, Pinie, Linde und Feige. Jedem der Bäume ist ein Sinnspruch oder ein kleines Gedicht zugeordnet. Dem Mandelbaum zum Beispiel der gute Ratschlag des jungen Kastanienbaumes, er solle es nicht machen wie die Feige, die, zu früh blühend, sich irrt:

Fagués pas coume l‘amelie
Dignié la jouino castelano.
Ane pès flouri trop lèu s‘engano!

Drei Stunden Fußweg sind es von Fontvielle nach Maillane – oder 
Berühmte Postkarte: Der Sonntagsbesuch
von Alphonse Daudet beiFrédéric Mistral
Malhana auf provenzalisch -, wo Frédéric Mistral wohnte, den Daudet eines sonntags unangemeldet aufsuchte. Daudet hatte das Glück, daß er gerade am Kirchweihfest nach Maillane kam und war so zu Mittag Gast im Haus. Mistrals Mutter, hochbetagt, tischte ein ganz besonderes Menue auf: „Zickelbraten, Gebirgskäse, Weinkonfitüre, Feigen, Muskatellertrauben, das Ganze bespült mit dem guten Päpstewein“. Sie selbst aß in der Küche, weil sie kein Wort verstand, wenn französisch statt provenzalisch gesprochen wurde.

Dieses Menue nun werden Sie in Maillane kaum bekommen, aber wenn Sie Ihren Wagen am Place Mistral parken, haben Sie die Auswahl zwischen einigen Bars und Restaurants. In Maillane, so der Eindruck, hat sich seit einhundert Jahren kaum etwas geändert, der Ort ist zeitlos, was andererseits aber auch heißt, daß Sie leicht einen Parkplatz finden.